Was alles in einem Menschen sein kann

tl_files/img/netzwerk/Steffen_Schroeder_Winnenden_2018.jpg

Steffen Schroeder in der Alten Kelter in Winnenden

 

Es berichtet unser Fördervereinsmitglied Lena Kroenlein:

Winnenden
Der Schauspieler Steffen Schroeder las am Sonntag in der Alten Kelter aus seinem Buch „Was alles in einem Menschen sein kann. Begegnungen mit einem Mörder.“

Bei der anschließenden Diskussion mit Stiftungsvorstand Gisela Mayer und Lars Groven, der als Fachreferent für Gewaltprävention und Deeskalation für die Stiftung arbeitet, wurde nach Lösungen gesucht, wie sich Gewalttaten künftig verhindern lassen könnten. Auch Winnendens Bürgermeister Hartmut Holzwarth und Sven Kubick, Rektor der Albertville-Realschule waren zur Lesung erschienen.

Hätte man Steffen Schroeder in seinen Kindheitstagen erzählt, dass er eines Tages einem Mörder gegenübersitzen würde, hätte er das wahrscheinlich für völlig absurd gehalten.

Na gut, vermutlich hätte er  sich als Kind  auch nicht träumen lassen, dass er irgendwann ein bekannter Schauspieler sein würde, im Theater spielen und Rollen in TV-Krimiserien und Filmen bekommen würde. Denn ursprünglich wollte der 1974 in München geborene Schroeder Herpetologe, also Reptilienforscher werden. Aber dann kam doch alles ganz anders. Inzwischen dürfte er vielen aus der Krimiserie „SOKO Leipzig“ bekannt sein, in der er seit 2012 die Rolle des Polizeioberkommissar Tom Kowalski spielt.

Zugegeben, in dieser Funktion saß er auch schon vielen Mördern gegenüber. Aber das waren alles fiktive Situationen, in die sich Schroeder nur für eine kurze Zeit hineinversetzen musste, in einer Welt, in der meistens am Ende alles doch irgendwie wieder gut wird.

Die Szenerie, die der Schauspieler an diesem Sonntagmittag schildert, war nicht erfunden: Die Begegnung zwischen Schroeder und Micha, dem lebenslänglich verurteilten Mörder, hatte sich 2013 im Gefängnis in Berlin-Tegel tatsächlich ereignet. Schroeder wurde Micha als sein ehrenamtlicher Vollzugshelfer vorgestellt wurde. Die Erlebnisse und Erfahrungen die in den weiteren Jahren dieser besonderen Begegnung folgen sollten, hat Schroeder nun in seinem Buch in Worte gefasst.

Manch einer mag dafür im ersten Moment keine Worte gehabt haben: Wer setzt sich schon freiwillig mit einem Mörder auseinander?“ Auch Micha wollte von Schroeder am ersten Tag wissen: „Wieso willst du so was eigentlich machen?“ Schnell wird klar:  Schroeder hegt viel Empathie für die Opfer und will aber auch die die Täter – zumindest ein Stück weit – verstehen, will begreifen, wieso jemand zum Mörder wird.

Das Gefühl, dass einem das Leben entgleiten könnte ist ihm nicht fremd:
In seiner Jugend, habe es eine Phase gegeben, „in der eine zeitlang alles schief lief“ und in der er „einen Hass auf alles und jeden“, einschließlich sich selbst entwickelte, für den er kein Ventil gefunden habe. Bis heute, sagt Schroeder, sei er froh, dass er diese Wut letztlich gegen sich selbst und nicht gegen andere gerichtet hatte. „Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre, ich wusste nur: ich hatte es nicht mehr in der Hand.“

Auch Micha hatte sein Leben an einem bestimmten Punkt nicht mehr in der Hand. Und doch ist der eine Schauspieler geworden, der andere rutsche ins rechte Milieu ab, brachte einen Menschen um. Innerhalb Schroeders Erfahrungsbericht entsteht eine Bindung zwischen dem TV-Kommissar und dem Mörder, die über die Jahre immer intensiver wird. So bekommt man als Zuhörer nicht nur einen Einblick in den Gefängnisalltag und die Hierarchie, die dort herrscht. Man beginnt zu begreifen, was eigentlich selbstverständlich ist und doch erst mit der Zeit klar wird: Auch Micha ist ein Mensch, der Sorgen und Ängste hat. Ein Mensch, der sich während der ersten gemeinsamen Ausführung mit Schroeder über die spielgeldartigen Euro-Scheine wundert; er kannte vor seiner Haft nur die D-Mark. Ein Mensch, der von dem üppigen Angebot in einem Fastfood-Restaurant überfordert ist und eigentlich nur „einen normalen Burger, der satt macht“ bestellen will. Und schließlich ist Micha auch ein Mensch, der seinen verstorbenen Knast-Freund Rico würdig beerdigen will.
Und er ist ein Mensch, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Leben zum Mörder wurde. Die Frage, ob das hätte verhindert werden können, beschäftigt nicht nur seinen ehrenamtlichen Vollzugshelfer. Auch Winnenden wurde im Jahr 2009 aus dem Nichts mit einer unfassbaren Gewalttat konfrontiert, als ein 17-jähriger in seiner ehemaligen Schule und während seiner anschließenden Flucht wahllos 15 Menschen erschoss.

Die Bürger der Stadt beschäftigt bald neun Jahre nach der Tat weiterhin die Frage, wie sich Gewalt künftig verhindern lässt. Das wird besonders während der anschließenden offenen Diskussionsrunde deutlich. Auch wenn klar ist, dass man Gewalttaten nie gänzlich ausschließen kann – Wege, die zu einem friedlichen Miteinander führen, gibt es.
 „Wir müssen als Gemeinschaft auf alle schauen, nicht nur auf den Einzelnen“, rät Lars Groven. Um dies zu bewältigen, müsste man freilich an vielen verschiedenen Punkten ansetzen und immer im Blick behalten, dass Prävention in allen Bereichen des Lebens ein Thema ist. Nicht nur in den Schulen allein – auch, wenn hier „ein großer Lehrermangel im Land zu beklagen ist“, sagt Sven Kubick. Dies habe zur Folge, dass beim krankheitsbedingten Ausfall eines Lehrers „zuerst AGs und die Fächer gestrichen werden, die scheinbar nicht so wichtig sind wie Mathe oder Physik.“  
 
Und dann drängt sich im Kontext der Veranstaltung auch unweigerlich der Gedanke auf, ob inhaftierte Menschen wie Micha, falls sie aus dem Gefängnis je wieder entlassen werden, ein gewaltfreies und in die Gesellschaft integriertes Leben führen können.
Auf die Frage eines Zuhörers, was man in den Gefängnissen dafür tue, weiß Schroeder eine klare Antwort: „Meiner Meinung nach nichts. Hier wird viel zu sehr gespart.“  

 

tl_files/img/netzwerk/Steffen_Schroeder_Lena_Kroenlein_2018_Winnenden.jpg

Steffen Schroeder und Lena Kroenlein

Schroeder hat mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag geleistet –ebenso wie alle, „die diese Lesung möglich gemacht haben“, bedankt sich Gisela Mayer bei allen Helfern. Und vielleicht hat der eine oder andere Zuhörer nach der Lesung einen guten Vorsatz für das noch recht junge Jahr mit nach Hause genommen.


  • Das [BUCH] von Steffen Schroeder ist im Buchhandel erhältlich
  • Ein [BERICHT] über die Arbeit von Lars Groven

 

 

Zurück